Von der „Haide im Kamp“ bis zum Diakonissen-Mutterhaus Volksdorf

  Aus der Jubiläumsschrift Residenz am Wiesenkamp 2013
  Ein Beitrag von Heiz Waldschläger


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Auf der undatierten „Charte von Volcksdorff“ ist das Gelände südlich von der Schemmannstraße und entlang der Farmsener Landstraße als ein wegeloses Heidegebiet mit der Flurbezeichnung „Haide im Kamp“ ausgewiesen. Das einzige eingezeichnete Gebäude in dieser Gegend war des „Holtzreiters Wohnung“, die um 1768 auf dem Grundstück der heutigen Revierförsterei errichtet worden war. Das davon nördlich gelegene Waldstück, das „Haßelholtz“ (Haselhorst) ist als Zuschlag bezeichnet. Es handelte sich folglich um eine umzäunte Neupflanzung.

Mittendrin im Heidegebiet liegt jetzt das Albertinen-Grundstück, welches damals einschließlich seiner Umgebung zur Allmende gehört hat und von den einheimischen Bauern als Schafweide genutzt worden ist.

Für die Volksdorfer Dorfschaft waren ein Schäfer, ein Kuh- und ein Schweinehirte tätig. Sie wohnten gemeinsam im Hirtenkaten. Ihre Entlohnung bestand in der Unterkunft, der Freiweide für das ihnen zugestandene Vieh sowie in dem „Wandeltisch“, der unentgeltlichen Beköstigung reihum bei den Bauern, und in einer kleinen Summe baren Geldes für Kleidung und andere Anschaffungen. Da der Schäfer zugleich Nachtwächter war, ging er nicht frühmorgens, sondern einige Stunden später als die Hirten durch das Dorf, blies ins Horn und die Tiere kamen aus ihren Ställen angelaufen.

Hinsichtlich der ferneren Umgebung ist aus der von Varendorf angefertigten „Topographisch Militärischen Charte des Herzogtums Holstein (1789-1796)“
zu erkennen, dass bereits zu dieser Zeit in den angrenzenden Amtsdörfern Bergstedt, Sasel und Meiendorf die Bodenreform durchgeführt worden war. Dort ist das Land in ziemlich gleichgroße Ackerstücke aufgeteilt, während auf dem Volksdorfer Gebiet noch die verstreut liegenden landwirtschaftlich genutzten Fluren, die Gewanne und etliche umzäunte Ackerkoppeln eingezeichnet sind.

Die für die in Schleswig-Holstein durchgeführte Bodenreform üblich gewordene Bezeichnung Verkoppelung ist darauf zurückzuführen, dass zunächst alle Ackerstücke, Wälder, Gehölze, Sümpfe, Moore, Heiden, Wege u.s.w. zusammengefasst, verkoppelt werden mussten, um sodann die einzelnen Parzellen abzukoppeln und auf die landwirtschaftlichen Betriebe zu verteilen. Die einzelnen Acker- und Wiesengrundstücke werden Koppel genannt.

Die Verkoppelung in Volksdorf

Die dörfliche Bevölkerung setzte sich zur Zeit der Verkoppelung aus den bisherigen Landbesitzern, den Hufnern und Halbhufnern, aus den um den Brink (Anhöhe mit der Roggenhof-Kirche) wohnenden Handwerkern sowie aus den Insten, den Katenleuten, die gegen freie Wohnung und Deputate auf den größeren Bauernhöfen arbeiteten, zusammen. Die Hufner wollten ihren Besitzstand wahren; die Brinksitzer sollten von der Stadt einige Ländereien erhalten, um im Ort sesshaft zu bleiben; und die Insten hatten eigentlich nichts zu erwarten.

Als Arbeitsgrundlage hatte Hamburg bereits in den Jahren 1782/83 eine
Übersichtskarte über die Volksdorfer Gemarkung einschließlich der Flurnamen von Reinke erstellen lassen. Dort wird die Umgebung des heutigen Albertinen-Geländes abermals als „Hayde im Kamp“ bezeichnet.

Später folgte ein Plan mit dem neu vermessenen und zur Verteilung
anstehenden Ackerland. Dessen ungeachtet haben die Volksdorfer Bauern sich aus den verschiedensten Gründen gegen eine Verkoppelung gewehrt. So befürchteten sie z.B., künftig nicht genügend Futter für ihr Vieh zu ernten, und verlangten, allerdings vergeblich, dass die Schweinemast in den staatlichen Wäldern und die Allmenden beibehalten werden. Nach 11 Jahren ergebnisloser Verhandlungen hat der Waldherr, der für die Walddörfer zuständige Senator, damit begonnen, die der Obrigkeit gehörenden Eichen in den Gewannen zu fällen und dadurch zu erkennen gegeben, dass die Verkoppelung gegebenenfalls auch ohne Zustimmung der Dorfschaft verwirklicht wird. Die letzte Verhandlungsrunde fand 1799 im Privathaus des todkranken Waldherrn statt, und zwar erstmals unter Beteiligung der Brinksitzer, für die Ackerland in Größe einer Viertelhufe u.a. in der Kampheide vorgesehen war. An diesem Tag waren ferner noch finanzielle Fragen zu klären. Das betraf insbesondere den künftig zu entrichtenden Canon (Steuern) und dessen Zahlungsbeginn.

Unerwartet haben die Landbesitzer sich damit einverstanden erklärt, dass den Insten das kleine feuchte Allmendegebiet Foßsöhlen als Viehweide und eine Moorparzelle zur Torfgewinnung zuerkannt worden sind und die Dorfschaft dafür jährlich einen festgesetzten Geldbetrag an die Kämmerei zu zahlen hatte. Diese Vergünstigung ist jedoch als abschließende Maßnahme der Verkoppelung im Jahre 1848 entfallen. Die Insten hatten kein Verständnis dafür, dass die frei gewordenen Landstriche den Hufnern zugesprochen werden sollten. Die von ihnen erhobene Klage ist jedoch als verspätet eingelegt erfolglos geblieben

Die landschaftlichen Veränderungen

Ein großer Teil der Volksdorfer Gemarkung war bis zur Verkoppelung naturbelassen. Lediglich die landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen, die vorerwähnten Gewanne und Ackerkoppeln, waren von Menschenhand gestaltet. Die vor etwa 8OO Jahren hier angesiedelten 8 Kolonisten haben sich aus der unberührten Landschaft jene Gebiete herausgesucht, die ihnen für den Ackerbau geeignet erschienen, und haben diese Landstücke gerodet
und sodann gemeinschaftlich bewirtschaftet. Auf Geheiß der Obrigkeit waren sie verpflichtet, das Ackerland in möglichst viele lange und nur 22m breite Streifen aufzuteilen. Diese Ackerstreifen hießen Rehmen (abgeleitet von Riemen), wurden aber auch als Langfeld oder Balken bezeichnet. Sie waren beiderseits durch einen 3 - 5m breiten mit Buschwerk und Bäumen, dem Hartholz, bepflanzten Grüngürtel voneinander getrennt. Die der Stadt gehörenden Bäume wurden von der Kämmerei verwaltet. Den Protokollen der Waldherren ist zu entnehmen, dass in Volksdorfs Gewannen mehr als
1 5OO ausgewachsene Bäume vorhanden waren, die auf den Holzauktionen viel Geld gebracht haben. So konnten aus dem vom Waldherrn im Jahre 1796 angeordneten Verkauf von „1 O1O Rähmel-Eichen 14 545 Mark Courant“ erlöst werden.

Die Erträge aus den Gewannen waren wegen der immer schlechter werdenden Bodenbeschaffenheit schließlich so gering geworden, dass manche Bauern sich genötigt sahen, sich um neues Ackerland zu bemühen. Der Waldherr verpachtete ihnen Flächen in den Allmenden, die sie zunächst rodeten, umzäunten und sodann beackerten. Auf diese Weise sind die vorerwähnten Ackerkoppeln entstanden, die aber auch als Zuschläge oder Blöcke bezeichnet wurden. Wie aus der Reinke-Karte von 1782/83 zu ersehen ist, sind auf diese Weise in der Kampheide die alte und neue Koppel für den Holzvogt entstanden.

Mit der Verkoppelung sind nicht nur die Gewanne, sondern auch die verbliebenen Allmendegebiete verschwunden. Es ist damals mit Ausnahme der städtischen Wälder, Teiche und Bäche eine Kulturlandschaft entstanden. .
Erst im Frühjahr 18OO konnte mit den vorbereitenden Verkoppelungs-Arbeiten begonnen werden. Für jede Koppel musste eine Zufahrt geschaffen werden. Die schnurgraden Feldwege, die Redder, sind teilweise bis heute erhalten geblieben. Sie sind beiderseits von einem Graben und einem Erdwall eingerahmt. Da die Wälle, wie vorher die Grünstreifen in den Gewannen, mit Hasel- oder anderen Sträuchern sowie mit etwa 15 bis 2Om auseinander stehenden Bäumen bepflanzt worden sind und das Buschwerk alle sieben Jahre gekürzt, geknickt, werden muss, nennen wir eine derartige Anlage Knick. Die Bauern haben alle ihre neuen Ländereien in gleicher Weise einfriedigen müssen. So ist nach jahrelanger schwerer Arbeit die für Holstein typische Knicklandschaft mit ihren Äckern und den vielen Wiesen für die aufkommende Kuhhaltung entstanden.

Die Aufteilung der Kampheide

Die Tatsache, dass sich die 6 Brinksitzer (Buchstaben n-s) mit einer Landzuteilung in der Kampheide haben abfinden müssen, zeigt die bevorzugte Behandlung der alteingesessenen Hufner. Ihnen ist u.a. das bisherige Ackerland zugesprochen worden. Und ausgerechnet die Menschen vom Brink haben das schwer zu kultivierende Heideland erhalten. Da sie keine Hilfsleute bezahlen konnten, mussten ihre Frauen neben deren häuslichen Verpflichtungen und selbst ihre Kinder statt des Schulbesuchs bei der ihnen ungewohnten Landarbeit mithelfen. Dennoch blieben sie darauf angewiesen, gelegentlich von ihren Verwandten oder Nachbarn ein Pferd mit Wagen oder Pflug auszuleihen. Erst etliche Jahre später, als es den Hufnern möglich gewesen war, konnten auch sie ihr Land nutzen.

Die Kampheide ist in etwa 4O Parzellen aufgeteilt worden, die aber allesamt sehr viel kleiner bemessen waren als das den Hufnern überlassene Land. Jeder Brinksitzer hat bis zu 5 Ackerstücke in unterschiedlicher Lage erhalten. Bei der Landvergabe sind auch der Schulmeister (t), die Bewohner des Hirtenkaten (u), und der Holzvogt (v) berücksichtigt worden.

Das damals in der Kampheide geschaffene Wegenetz ist jetzt noch vorhanden. Das trifft sowohl auf die Schemmannstraße, den Diek- und den Wiesenkamp als auch auf den Hasel- und Tannenkamp zu. Diese Feldwege sind allerdings nicht von vornherein benannt, sondern nur nummeriert gewesen. Straßennamen gibt es in Volksdorf erst seit 19O3.

Die Entwässerung

Wo Heide ist, da fehlt es nicht an Sümpfen. Das gilt auch für die Kampheide. Im nördlichen Teil hat sich ein Feuchtgebiet mit dem Flurnamen "Im Dick". befunden. Diese Bezeichnung lässt zwei Deutungen zu. Beide Möglichkeiten sind bei der Namensgebung der umliegenden Straßen berücksichtigt worden. Das "c" ist gemäß der niederdeutschen Sprache als ein Dehnungsbuchstabe gedeutet und entsprechend ist sowohl der Diekkamp als auch der Diekredder benannt worden. Gegen diese Auslegung bestehen aber im Hinblick auf den Artikel "im" erhebliche Bedenken. Es hat sich bei dem dortigen Gelände um keinen Teich, sondern um ein feuchtes Dickicht gehandelt, sodass der Dickichtweg zutreffender auf die jenerzeitige Landschaft hinweist.

Es ist zur damaligen Zeit sämtlichen Landbesitzern von Feuchtgebieten anbefohlen worden, "das Wasser nach der niedrigsten Lage des Terrains seinen Lauf nehmen" zu lassen. Es wurde ihnen ferner auferlegt, "den Wasserfluss, der sich über ihr Grundstück in unbestimmter Strömung gegen das darunter liegende Feld ergießt, in einen ordentlichen Wasserlauf zu führen und diesen in der Breite und Tiefe von drei Fuß zu erhalten".

Die alten Wassergräben sind kürzlich erneuert, teilweise verlegt oder verrohrt worden. Von diesen recht umfangreichen Baumaßnahmen ist das Albertinen-Grundstück nicht verschont geblieben.

Vom 18. ins 19. Jahrhundert

Durch die Verkoppelung ist eine andere nicht vorhersehbare Entwicklung eingeleitet worden. Die Hufner hatten in der Vorzeit Eigentum nur an ihren Gehöften mit dem Kohlhof (Garten) und dem Wischhof (Hauswiese). Das Ackerland war ihnen von der Obrigkeit zur Nutzung gegen Zahlung einer Erbpacht überlassen. Jetzt aber gehörte es ihnen und sie konnten darüber frei verfügen, also auch verkaufen Und das ist anfangs zögerlich und sodann vermehrt geschehen.

In den Jahren von 187O bis 1897 hat der Kaufmann Heinrich von Ohlendorff etliche Hufenstellen in Volksdorf einschließlich der Ländereien erworben. Ohlendorff ist durch seine Importe von Guano aus Peru reich geworden. Mit den Exkrementen der dort lebenden Vögel wurden damals die Gärten- und Äcker gedüngt. Ein Teil des hiesigen Ohlendorff´schen Grundbesitzes hat der Jagd gedient und im Ortskern ist sein landwirtschaftlicher Gutsbetrieb sowie sein Sommerhaus mit großem Park entstanden. Da er die ihm von den Brinksitzern in der Kampheide überlassenen Parzellen mit Fichten hat bepflanzen lassen, ist zu vermuten, dass er sich dieses Land von vornherein zu spekulativen Zwecken angeschafft hat.

Der Volksdorfer Ortsplan von 1892 macht deutlich, dass es zu dieser Zeit im Umfeld des Albertinen-Geländes lediglich die alte Försterei gegeben hat und dass das vom Inhaber der stadtbekannten Großbäckerei Julius Busch errichtete Haus an der südlichen Ortsgrenze (o 436) hinzugekommen ist. Der Beckermeister hat in späterer Zeit einige an der Farmsener Landstraße belegene Grundstücke gekauft und landwirtschaftlich genutzt. Gewohnt hat er in seiner Villa auf dem vormals Ohlendorff´schen Grundstück m 397. Er, der begeisterte Reiter, ist vom scheuenden Pferd abgeworfen worden und in einer so tragischen Weise ums Leben gekommen. ´ .

Im Jahre 19O5 konnte die neue Oberförsterei bezogen werden und 19O6 waren am Meiendorfer Weg die beiden Zweifamilien-Häuser für die Waldarbeiter fertig gestellt. Da die Bauernstelle Langhein in Barmbek wegen des dortigen Baubooms hatte weichen müssen, ist diese an den Diekkamp verlegt worden, und zwar auf das dem Herrn von Ohlendorff für 25 OOO Mark abgekaufte Grundstück m 4O1..

Die vorerwähnten Neubauten haben noch land- und forstwirtschaftlichen Zwecken gedient. Aber zur gleichen Zeit sollte Volksdorf nach dem Willen der Gemeindeversammlung ein bevorzugter vorstädtischer Wohnort werden. Bereits 19O1 wurde dem "Schwesterverein Bethanien an der Westseite der Straße nach Farmsen ein rund 4 9OO qm großer Platz zur Errichtung der 19O3 eröffneten Erholungsstätte überlassen." In der Schemmannstraße folgten 19O4 die Villa des Konsuls von Ewald, dem in Südafrika Goldminen gehörten, und 19O5 nach der Inbetriebnahme der Kleinbahn entstanden das Pestalozzi-Stift für Waisenkinder und das Landhaus Klöpper, das jetzige Kinderheim Erlenbusch.

Einerseits bemühte sich die Landgemeinde Volksdorf zur Aufbesserung ihrer Gemeinde-Finanzen um kapitalkräftige Bauinteressenten und verhinderte andererseits unter tatkräftiger Mitwirkung des Herrn von Ohlendorff, dass sich lungenkranke Menschen mit Spaziergängen in den hiesigen Wäldern Erholung suchen konnten. Hierüber hat Frau von Ohlendorff in ihren Tagebüchern am 26.August 19O5 vermerkt: " Senator Holthusen schrieb an Heinrich, dass wir nach Volksdorf keine Lungenheilstätte bekommen werden."

Das Hirtenland

Die Besiedlung von Volksdorf hatte eine beträchtliche Wertsteigerung des Grundbesitzes zur Folge. Hinsichtlich der Parzellen, die den Hirten bei der Verkoppelung in der Kampheide überlassen worden waren, ist es im Jahre 1911 zwischen der Landgemeinde Volksdorf und der Stadt Hamburg zu einem Rechtsstreit gekommen. Beide Parteien beanspruchten das Hirtenland für sich. Das Gericht schlug einen Vergleich vor. Die Grundstücke sollten gegen Zahlung von 2OO OOO Mark bei Volksdorf verbleiben. Die beklagte Stadt willigte nicht ein und verlor den Prozess.

Das Oberlandesgericht hat festgestellt: Die seit 1835 selbstständige
Dorfschaft, vertreten durch ihren von der Obrigkeit eingesetzten Bauernvogt,
hat nach Einstellung der Hirtendienste bereits 1849 den Hirtenkaten verkauft. Die Stadt hat dieser Grundstücksveräußerung nicht widersprochen, sondern die angefallenen Steuern und Abgaben erhoben. Die Klägerin durfte somit darauf vertrauen, dass das ehemalige Hirtenland ihr gehöre und nicht auf die Stadt übergegangen sei. So ein gutgläubiger Besitz wird nach 3O Jahren kraft "Ersitzung" rechtens und kann von niemandem mehr angezweifelt werden.

Mit dem am 1. Januar 1938 in Kraft getretenen Groß-Hamburg-Gesetz haben die städtischen Landgemeinden ihre Selbstständigkeiten eingebüßt. Da Volksdorf einige Jahre zuvor das Hirtenland an eine Baugenossenschaft verkauft hatte, war es um die Gemeindefinanzen gut bestellt. Anstatt die vorhandenen Gelder an die Stadt zu überweisen, sind diese eiligst u.a. für den Bau des Hitlerjugend-Heims am Ahrensburger Weg und den Ankauf etlicher Ländereien für den geplanten Friedhof verwendet worden.

Wie die Kampheide Siedlungsland wurde

Rückblickend ist festzustellen, dass die Landvergabe an die Brinksitzer ihren Zweck nicht erfüllt hat. Die erste Generation hat sich abplacken müssen, ihre Kinder haben sich vielleicht landwirtschaftlich betätigt und ihre Enkel haben das Land verkauft. Die Besiedlung war nicht aufzuhalten und von der Stadt Hamburg auch gewollt. Man musste nämlich den Trend stoppen, dass die Bürger ihren Wohnsitz vornehmlich in die Elb- und Sachsenwald-Gemeinden verlegen. Aus steuerlichen Gründen sollten sie in den hamburgischen Walddörfern siedeln können. Diese Ortschaften mussten aber zunächst verkehrsmäßig erschlossen werden. Man verhandelte, ohne die Bürgerschaft zu informieren, mit der preußischen Regierung und kam überein, dass einerseits die Stadt die Walddörferbahn über preußisches Gebiet fahren lassen durfte und andererseits Preußen die Vorortsbahn (S-Bahn) von Ohlsdorf nach Poppenbüttel verlängern konnte, um das Alstertal zu erschließen. Im Januar 1912 beschloss die Bürgerschaft den Bau der Walddörferbahn und ab September 1920 gab es einen geregelten Bahnverkehr zwischen Barmbek und Volksdorf.

Bis zum ersten Weltkrieg waren in unserem Kampgebiet weitere Landhäuser errichtet worden. Die Einwohner begrüßten den Bau der Walddörferbahn, weil sie künftig schneller in die Stadt gelangen würden. Nicht einverstanden waren sie aber mit der vorgesehenen Streckenführung entlang der Farmsener Landstraße. Sie haben sich die ländliche Ruhe bewahren wollen und dafür gesorgt, dass die Bahntrasse in den Wald verlegt wurde. Schließlich haben sie auch einen Fußgänger-Tunnel beim Diekkamp bekommen, um ohne Umwege beim Schlachter am Mellenbergweg und beim Krämer in der Petersstraße (jetzt Rehblöcken) einkaufen zu können.

Nach der Inflation sind in Volksdorf die großen Siedlungen z.B. im Wensenbalken, Auf den Wöörden, in der Wietreie und am Wulfsdorfer Weg entstanden. Rund um das Albertinen-Grundstück ist es mit Ausnahme des aus dem Jahre 1928 stammenden Stresow-Stiftes zunächst bei der Einzelhaus-Bebauung geblieben. Die Kapitänshäuser am Hirtenkamp, die Siedlung am Schoolmesterkamp und die in der Heidloge sind erst in den dreißiger Jahren gebaut worden.

Die Straßennamen

Es gibt im Gebiet der ehemaligen Kampheide zwei Straßen, die nach Persönlichkeiten benannt sind: Der Amalie-Sieveking-Weg und die Schemmannstraße.
Amalie Sieveking (1794-1859) hat die französische Besatzungszeit und die Cholera-Epidemie miterlebt. Die Religiosität und Armenpflege haben ihr Leben geprägt. So hat sie 1832 den Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege gegründet.
Der 1842 geborene Hamburger Kaufmann Conrad Schemmann wurde mit 43 Jahren zum Senator gewählt und ihm unterstand als Landherr bis 1903 die Gemeinde Volksdorf. Er setzte sich für eine naturfreundliche Besiedlung der Walddörfer ein und war ein großer Förderer der Pestalozzi-Stiftung.

Die von der Schemmannstraße abzweigende Klosterwisch heißt nach der nahe gelegenen großen Wiese, die einst dem Kloster Harvestehude gehört haben soll. Bei dem am Diekkamp befindlichen Heckenrund fehlt eine historische Beziehung, sodass es sich bei diesem Straßennamen um eine freie Wortfindung handelt.

Die vielen Straßen mit der Endung "kamp" beruhen auf der alten Flurbezeichnung "Im Kamp". Der Wiesen-, Hasel-, Feldkamp und der Weiden- sowie Holunderkamp sind nach den neuen landschaftlichen Gegebenheiten benannt. Am Tannenkamp hatte von Ohlendorff die von ihm gekauften Parzellen entsprechend bepflanzen lassen. Und am Hirten- sowie Schoolmesterkamp befand sich das Ackerland für die dörflichen Bediensteten.

Das Diakonissen-Mutterhaus

Im Sommer 1927 hat der Landeskirchliche Verein für weibliche Diakonie 22.000 qm von der Parzelle 420 einschließlich eines „Gärtnerhauses“ und einer „Villa“ von dem Grundeigentümer, dem stadtbekannten Architekten Fritz Höger, für 150.000 RM gekauft. In der Messtisch-Landkarte von 1928 sind die beiden Gebäude eingezeichnet.

Man war der weit verbreiteten Meinung, dass die „Höger-Villa“ vom Hauseigner entworfen und in den zwanziger Jahren gebaut worden sei. Das trifft jedoch nicht zu! Nach Einsicht in die Bauakte kann ich über den wahren Sachverhalt berichten.

Bereits 1909 hat der in Hamburg zugelassene Notar Dr. Johannes Becker das an der Farmsener Landstraße belegene Grundstück von dem Volksdorfer Rennpferdezüchter Losen erworben und von seinem in Gifhorn ansässigen Bruder Bauanträge zunächst für ein „Gärtner-„ und sodann für ein „Einfamilienhaus“ stellen lassen. Die Bauzeichnungen sind leider nicht mehr vorhanden. Erhalten geblieben ist allerdings die Bauauflage, dass der Bauherr seine Zufahrt über den damals noch vorhandenen Sommerweg mit Steinen befestigen musste.

Im Jahre 1921 ist das Grundstück an Otto Windgassen verkauft worden, der das Haus von dem Architekten Fritz Walther grundlegend umbauen ließ.

Schon vier Jahre später ist dieser Besitz auf den Architekten des Chilehauses Fritz Höger übergegangen, der lediglich den hinteren Anbau verändert hat. Wie man aus den zwei Bauzeichnungen von 1921 und 1925 ersehen kann, ist manche Schnörkelei entfallen und durch die Högersche Gradlinigkeit ersetzt worden.

Aus unbekannten Gründen hat Höger sein hiesiges Anwesen, wie oben aufgezeigt, 1927, also nach einer recht kurzen Zeit aufgegeben. Aber erst Ende September1929 konnten die ersten 29 Schwestern in ihre neue Bleibe einziehen, sodass das Haus über zwei Jahre lang unbewohnt geblieben ist.

In der Jubiläumsschrift „25 Jahre Amalie-Sieveking.Haus 1929 -1954" ist über die Anfangszeit berichtet worden. Einige Ergänzungen habe ich des besseren Verständnisses wegen hinzugefügt und einige überflüssige Passagen weggelassen. Der leicht veränderte Bericht lautet:

"Es war zwar eine vornehme Villa, deren Parkettfußböden und kostbare Tapeten zu der sonstigen Einfachheit der Mutterhaus-Diakonie nicht zu passen schienen. Aber es war alles verwahrlost und verschmutzt. Die uns überlassenen Möbel waren völlig verstaubt. Aber die vorweg einquartierte Hausmutter griff zu! Sie ließ sich nicht durch Schmutz und Unordnung, Rohrbrüche und andere Schäden abschrecken. Sie wusste manchmal nicht, wo sie ihre Hilfskräfte zur Nacht hinlegen sollte. Wochenlang lagen sie bald hier, bald dort mit ihren Matratzen auf dem Fußboden. Zum Tag der Einweihung war das Haus jedoch empfangsbereit! Freilich fehlte noch viel, was nötig war. So hätten die Gäste nicht ohne die schwesterliche Hilfe des benachbarten Erholungsheimes „Bethanien“, das uns Stühle und Geschirr geliehen hatte, bewirtet werden können."

Das damals erworbene Grundstück mit der Villa ist die Keimzelle des Ev. Amalie Sieveking-Krankenhauses einschließlich seiner vielfältigen Nebeneinrichtungen geworden.

Die Lindenreihe am Fußweg zum ehemaligen Gärtnerhaus und zur heutigen Residenz am Wiesenkamp erinnert noch an vergangene Zeiten. Es war keineswegs vorauszusehen, dass ich hier meine letzten Lebensjahre verbringe.

Heinz Waldschläger

Anmerkung: Zu dem Thema hat Herr Waldschläger bereits in dem Jahrbuch der Gesellschaft für Heimatforschung und Heimatpflege in den hamburgischen Walddörfern e.V. in Kooperation mit dem Heimat Echo „De Spieker“ 2012 berichtet.

Heinz Waldschläger
Quelle: Jubiläumsschrift Residenz am Wiesenkamp 2013

Zum Bau der Residenz gibt es einen Aufsatz von Horst Franke ...

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