90 Jahre Siedlung Wensenbalken in Hamburg-Volksdorf

 Teil 2 - Wensenbalkener Köpfe - Karl Barkmann

  Exemplarisches aus dem "WENSENBALKEN-ARCHIV"
  ein Beitrag von Jens Koegel

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WENSENBALKENER KÖPFE

„Wir wissen viel von den geschichtlichen Vorgängen, wir wissen aber wenig über den einzelnen Menschen."
Arthur Koestler (1905-1983)

Zwischen 2006 und 2007 besuchte ich Anwohner und Nachbarn in der Siedlung und befragte sie zu ihren Erinnerungen an den Wensenbalken. Diese Gespräche – häufig bei Kaffee und Kuchen - könnte man als „narrative Interviews" bezeichnen. Es waren insgesamt 18 Interviews, wobei ich zunehmend gezielter fragen konnte. Im Ganzen gesehen und gelesen sind die 18 Interviews zwar ein Flickenteppich, aber es lassen sich auch Gemeinsamkeiten und Vernetzungen erkennen, die – wie ich hoffe – ein gewisses Bild vermitteln vom Leben in der Siedlung Wensenbalken im Laufe der Jahrzehnte. Ich kann hier nur eine kleine Auswahl vorstellen.

Von den überwiegend älteren Anwohnern sind seit Beginn der Befragung 6 bereits gestorben.

Daneben recherchierte ich über solche Personen, die bereits vorher verstorben waren, aber von denen Spuren geblieben sind, weil sie auf die eine oder andere Weise öffentlich und nicht nur privat wirksam waren, und die häufig zu den Farbigsten und Aussagekräftigsten gehörten. Das Archiv beinhaltet 10 solcher „Lebensspuren".

Schließlich fasste ich alle Details – mochten sie auch noch so gering sein – in einer den Personen zugeordneten alphabetischen Liste zusammen, die ich „Wer war wer im Wensenbalken?" genannt habe.

2. Karl Barkmann (1896 -1959)

Karl Barkmann gehört mit zu den Personen, die ich nicht mehr interviewen konnte, über die jedoch manches Material vorliegt. Des weiteren gibt es auch Menschen, die sich an ihn erinnern und die Aufbewahrenswertes berichten konnten. Denn Barkmann gehörte zu den Kreativen und Künstlern, die sich vor allen in den 20er und 30er Jahren in der Siedlung zusammenfanden. Genannt werden sollen hier nur, stellvertretend für manche Andere: Olderogg (Maler und Grafiker), Corniels (Bildhauer) und Klee-Gobert (Feuilletonist und Autor). Die Häufung von künstlerischen Menschen, die es in die Abgeschiedenheit dieses Stückchen Erde zog, lassen – auch wenn man sich die beeindruckenden Grafiken und poetischen Texte ansieht, die an den Dadaismus gemahnen und die zu Künstler- und Siedlerfesten im Wensenbalken einluden – ein wenig an Worpswede denken.

Dabei war Barkmann eigentlich Verwaltungsbeamter, genauer: Leiter der Hauptfürsorgestelle für Schwerbeschädigte, Kriegswaisen und Künstlerhilfe. Aber bereits in jungen Jahren, vor dem 1. Weltkrieg, schloß er sich der Wandervogel- bzw der Jugendbewegung an, von denen er manch Seelenverwandte in der Siedlung wiederfand bzw. veranlasste, sich hier niederzulassen. Diese Seite seiner Persönlichkeit ließ ihn zusammen mit Knut Ahlborn einen der Gründungsväter der Künstlerkolonie Klappholttal auf Sylt werden, auf deren Bühne er häufig Vorträge hielt und rezitierte (Sommer 1953: Sommerveranstaltung der Volkshochschule Klappholttal auf Sylt – K.Barkmann: Sprechübungen und Rezitationen).

Und das – nämlich Rezitationen – war das eigentliche Metier des „Sprechers" Karl Barkmann. Von 1939 an war er landauf-landab mit Goethe, Schiller u.a. im Gepäck unterwegs, so z.B. in Plettenberg, Bodenwerder, Bad Pyrmont, Sylt oder Osnabrück. Prof. Calzin von der Universitätsklinik Eppendorf beurteilte im Mai 1952 Sprache und Stimmführung des Rezitators folgendermaßen: "Die Stimme des Herrn Barkmann klingt anstrengungslos und fließend. Sie weist volle Resonanz auf und hat infolgedessen erstaunliche Tragweite." So bekannt war Barkmann, daß die „WELT" am 21.9.1996 unter der Überschrift „Karl Barkmann wäre morgen 100 Jahre alt", schrieb: "Vielen älteren WELT-Lesern wird der Hamburger Rezitator Karl Barkmann (1896-1959) als Interpret Hölderlins, Goethes und anderer Klassiker in guter Erinnerung sein. Mit Will Quadflieg, Wilma Mönckeberg und Wolff Beneckendorff machte Barkmann in den Jahren zwischen Währungsreform und Wirtschaftswunder die „Stunde im Advent" im Altonaer Museum zu einen großen Erlebnis deutscher Sprache und der klassischen Literatur."

Es mögen auch die Schicksalsschläge gewesen sein – Barkmann verlor beide Söhne im Krieg – daß er am 5. Juli 1959 während des Vortrags von Hölderlins „Gesang des Deutschen" auf der Bühne des Hauses Klappholttal an einem Herzleiden verstarb.

Gedankt sei an dieser Stelle Barkmanns 2. Frau, der Klavierpädagogin Barkmann-Maedel, die eine Reihe von Einspielungen des Sprechers per Tonband bzw später CD der Nachwelt erhielt. Einige Alt-Wensenbalkener und Weggefährten Barkmanns durften im Oktober 1960 diesen Tondokumenten in dessen Arbeitszimmer lauschen, ein Ereignis, das der spätere Kurator des Barlach-Hauses, Hugo Sieker, in den „WENSENBALKEN MITTEILUNGEN" unter der Überschrift „Erinnerungen an Karl Barkmann" ebenso bewegend wie anschaulich festhielt.

Eine Auswahl dieser Rezitationen ist im Wensenbalken-Archiv aufbewahrt.


(Fotos: Wensenbalken Archiv mit Genehmigung der jeweiligen Rechteinhaber)

Fortsetzung: Wensenbalkener Köpfe - Margarethe Brunckhorst ...


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