90 Jahre Siedlung Wensenbalken in Hamburg-Volksdorf

 Teil 1 - die Geschichte

  Exemplarisches aus dem "WENSENBALKEN-ARCHIV"
  ein Beitrag von Jens Koegel

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In der Entwicklung der Siedlung Wensenbalken sind die allgemeine deutsche Geschichte seit Ende des 1. Weltkriegs und die lokale Geschichte unlösbar miteinander verbunden."
(Dr. Walter Stiller (1886-1961), Siedlungsbeauftragter der ehemaligen Hamburger Kriegerheimstätten Wensenbalken GmbH)

Nicht jedem wird die Siedlung Wensenbalken bekannt sein, und selbst dem Personenkreis, der sie kennt, wird vielleicht nicht unmittelbar gegenwärtig sein, daß die „Krieger- bzw Reichsheimstätten-Siedlung" Wensenbalken seit dem Erstbezug im März 1923 nunmehr auf stolze 90 Jahre zurückblicken kann.

Es erscheint mir daher angemessen, kurz die Geschichte der Siedlung zu umreißen, bevor ich einen Schwerpunkt des WENSENBALKEN ARCHIVS vorstelle.

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„Wenn Se'n Balken haben, können Se'n Haus bauen," witzelte ein unbekannter Siedler dereinst. Und wahrlich – Häuserbau, die Schaffung von menschenwürdigen Unterkünften, war eine der sozialen Kernfragen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die massenhaft in die Städte drängenden Menschen brauchten Wohnungen und im teilweise noch ländlich geprägten Umfeld war Grund und Boden in Form von Äckern und Feldern reichlich vorhanden. Sogenannte „Terraingesellschaften" - so hießen damals Wohnungsbaugesellschaften - schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Firmen erwarben möglichst günstig Flurstücke von Bauern, erstellten Bebauungspläne und legten Straßen und Plätze an. Das baureife Gelände wurde in Blocks oder Parzellen aufgeteilt und an Bauunternehmer verkauft. Die Werbebroschüre „Hamburgs Walddörfer – Villenkolonien" aus dem Jahre 1913 führt allein gut 25 solcher Terraingesellschaften auf, u.a. die „Terrain-Gesellschaft Volksdorf – Wensenbalken", die mit folgendem Text für eine Bebauung wirbt:

Dieses im nördlichen Volksdorf gelegene arrondierte Terrain von rund 300 000 qm² Flächeninhalt ist im Ganzen oder in größeren Abschnitten zu verkaufen. Das Terrain liegt auf Hamburger Gebiet, hart an der Walddörferbahn zwischen den Stationen Volksdorf-Nord und Lottbek sowie an der Station Ohlendorffs Tannen der Kleinbahn."

wensenbalken-04Aber alle Bebauungspläne, gespeist auch von den Ideen der Bodenreformer unter A. Damaschke (1865-1935) bzw. der Kriegerheimstätten-Bewegung, kamen durch den 1.Weltkrieg zum Erliegen, als die Oberste Heeresleitung 1916 einen allgemeinen Baustopp erließ. Erst 1918 wurden diese Pläne wieder aufgegriffen. Der bekannte Architekt Fritz Schumacher (1869-1947) überarbeitete im Dezember des Jahres den städtebaulichen Entwurf durch eine Bauzeichung zum Gelände der späteren Siedlung Wensenbalken - heute im Hamburger Staatsarchiv einzusehen - die 1921 von den ebenfalls renommierten Architekten Distel & Grubitz im Auftrag der Hamburger Kriegerheimstätten GmbH (Geschäftsführer R. Wiesener), die das Gelände erworben hatte, modifiziert wurde. Die ursprüngliche Absicht dabei war, im ganzen Reich jedem deutschen Kriegsteilnehmer oder dessen Witwe als Dank des Vaterlandes ein Familienheim auf eigener Scholle zu einem erschwinglichen Preis zu vermitteln. Die Weimarer Verfassung vom 11.8.1919 hielt in Artikel 151 diesen Gedanken ausdrücklich fest. Die Nationalversammlung verabschiedete nach vielen Vorarbeiten am 10.Mai 1920 das Reichsheimstättengesetz, das vollständig erst 1993 vom Bundestag aufgehoben wurde.

Wie bereits erwähnt erstellten 1921 Distel & Grubitz einen Bebauungsplan für die Siedlung Wensenbalken mit Büro am Steinkamp 7. Im Großen und Ganzen blieben die Pläne, obwohl mehrmals im Detail nachgearbeitet, so erhalten. Allerdings gestaltete sich der als zentraler Punkt der Siedlung geplante Mittelplatz in der heutigen Steinreye lange Zeit als strittig. Das Gebiet sollte ringförmig und durch eine straßenbegleitende zweigeschossige Bebauung erschlossen werden. Neben Einzel-und Reihenhäusern sollte dabei das Doppelhaus dominieren. Besondere Merkmale der Parzellierung sollten schmale, tiefe Grundstückszuschnitte werden mit je mindestens 1000 qm² Fläche. Konzeptioneller Gedanke dabei war, den Bewohnern genügend Platz für einen Garten zur Selbstversorgung, sowie zur Erholung der Familie mit Spielmöglichkeiten für die Kinder auf dem eigenen Grundstück zu bieten.

Das eigentliche Siedlungswerk dauerte jedoch nur etwa 10 Jahre von 1921 bis 1930, denn die „nationale Geschichte", diesmal in der Form der Inflation von 1923, erschütterte die Siedlung so stark, dass nur ein Torso blieb, der beträchtliche Lücken in der Bebauung bot. Die finanziell arg gebeutelten Siedler der ersten Stunde gründeten 1924 als eine Art Rechts- und Selbstschutz die „Vereinigung der Hausbesitzer von Volksdorf Wensenbalken", die wegen der von ihr häufig angestrengten juristischen Schritte auch als „Prozeßverein" in die regionale Geschichte einging. Diese an die Substanz gehenden Auseinandersetzungen beschäftigten jahrzehntelang das Siedlungsleben und sollen hier im Einzelnen nicht weiter dargelegt werden. 1958 firmierte die „Vereinigung" um in den Namen "Siedlungsgemeinschaft Wensenbalken", die beginnend bereits ein Jahr vorher im Juni 1957 und über ein Jahrzehnt lang ein unregelmäßig erscheinendes Faltblatt namens „Wensenbalken Mitteilungen" herausgab, in dem auf die die Siedler interessierenden Fragen, als da waren Sielanschlüsse, die 380 kv-Leitung, Kinderfeste u.ä. Bezug genommen wurde.

Alle 109/111 in den 20er Jahren gebauten RHS überstanden übrigens die Bombenangriffe im 2. Weltkrieg und blieben häufig 2-3 Generationen hindurch in Familienbesitz. Der ehemalige Siedlungscharakter Wensenbalkens ist heute noch - trotz rückwärtiger Bebauung - am deutlichsten am Lottbeker Platz, in der Heinrich von Ohlendorffsstraße / westlicher Teil sowie in der Straße Ohlendorffs Tannen zu erkennen.

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Heute versuchen verschiedene Nachbarschafts- und Freundeskreise wie z.B. der „Wensenbalken Chor" (Die Pneumatiker) oder die „Film-Freunde Wensenbalken" (FFW) durch public viewing oder öffentliches Singen auf dem Lottbeker Platz das ursprüngliche Herz der Siedlung erneut zum Klingen und Schlagen zu bringen.

Als wir 1990 in eine RHS der Siedlung Wensenbalken zogen, lagen mir alle architektonischen und historischen Überlegungen durchaus fern. Wir waren glücklich in einem schönen Haus mit einem großen Garten wohnen zu dürfen, den die Kinder für ihre Spiele und Beschäftigungen nutzten und so durchaus das Motto der Werbebroschüre der „Kriegerheimstätten GmbH" von 1927 „Schenk deinen Kindern Luft und Sonne" mit neuem Leben erfüllten.

Erst 1998 fiel mir eine Festschrift in die Hand, die Alt-Wensenbalkener anlässlich eines Treffens im selben Jahr zusammengestellt hatten, und die auf gut 30 Seiten beachtliches Material und Dokumente enthielt, die mir in groben Zügen die Geschichte der Siedlung näherbrachten und mich auf „die Fährte setzten". Im Laufe der Jahre entstand so durch viele Interviews, eigene Recherchen und Dokumente eine Sammlung, die ich in Ermangelung einer besseren Bezeichnung das „WENSENBALKEN ARCHIV" genannt habe, und aus dessen umfangreichen Material ich im Folgenden auf eine Portrait-Sammlung hinweisen möchte, die den Titel trägt: WENSENBALKENER KÖPFE".

(Fotos: Wensenbalken Archiv mit Genehmigung der jeweiligen Rechteinhaber)

Fortsetzung: Wensenbalkener Köpfe - Karl Barkmann ...


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