Das Walddörfer Gymnasium - die Geschichte

  Die über 80-jährige Geschichte der Schule
  Ein Beitrag von Jürgen Fischer (ehemaliger Schulleiter)
  Fotos aus dem Archiv De Spieker, zusammengestellt von Hans-Hermann Wölfert

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Das Walddörfer Gymnasium im Jahre 1931

 

wdg-00-model-1928Das Walddörfer Gymnasium feierte im Jahr 2010 sein 80-jähriges Schuljubiläum. Anlass genug, diese Schule, die viele Volksdorfer früher selbst besucht haben, hier beim Treffpunkt Volksdorf einmal näher vorzustellen. Wir freuen uns, Ihnen  in diesem Zusammenhang einen umfassenden Aufsatz zur Entwicklungsgeschichte der Schule von Jürgen Fischer, dem ehemaligen Schulleiter, präsentieren zu können. Unser Dank gilt außerdem Hans-Hermann Wölfert vom Verein "De Spieker", der uns das Bildmaterial zur Verfügung gestellt hat.

80 Jahre Walddörferschule und Walddörfer Gymnasium

wdg-01-baustelle-1929-aulaSeit den 1920er Jahren zog es immer mehr Ansiedler aus der Großstadt in die Hamburgischen Walddörfer hinaus. Der von Eigenheimen und viel Grün bestimmte Charakter eines Vororts mit der Herausbildung eigener, von der Großstadt abgerückter Lebensmittelpunkte entwickelte sich um "das Dorf", wie ältere Volksdorfer noch heute den Ortskern nennen, in der bis heute nicht ganz verschwundenen Besonderheit. Seit 1911 existierte außer der jahrhundertealten Dorf- bzw. Volksschule im Ortskern die Privatschule der Anthonia Emkes in der Holthusenstraße, ab 1921 in der Eulenkrugstraße (heute „Royal Sports Hamburg“). Nachdem diese wachsende Privat-Realschule mit Vorbereitung auf den Besuch eines Hamburger Gymnasiums 1927 verstaatlicht worden war und in der Hamburger Schulbehörde eine großzügige Entscheidung für eine exemplarische Alternative zur herkömmlichen, eng und hoch gebauten Großstadtschule gefallen war, war die Zeit gekommen für das zu seiner Zeit einzigartige Projekt einer weit für Landschaft und Licht sich öffnenden, flach und überschaubar bleibenden Schulanlage. Der Architekt, Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher, schreibt: "Mit den niedrigen Trakten der Klassenräume ließ sich ein großer, wirkungsvoll gegliederter Mittelraum umfassen, dessen eine Seite von dem Trakt der Turnsäle abgeschlossen wird, während die andere beherrscht wird von dem Saalbau, der nicht nur als Aula, sondern als Festraum für die ganze Siedlung ausgebildet werden konnte."

wdg-02-baustelle-1929Im April 1930 zogen einige hundert Schülerinnen und Schüler von der Eulenkrugstraße um in den Südflügel des neuen Gebäudes, das Gymnasium. Zugleich wurde der Nordflügel von der Volksdorfer Volksschule bezogen, die vorher ihr Gebäude auf dem Gelände der heutigen Rockenhof-Kirche hatte. Die ersten Jahre der neuen "Walddörferschule" müssen trotz der großen wirtschaftlichen Not und des heraufziehenden politischen Unheils in Deutschland glückliche Schuljahre im damals so bezeichneten Volksdorfer "Kinderpalast" gewesen sein. Das Gymnasium wurde besucht aus dem weiten Einzugsgebiet von Farmsen bis Duvenstedt, wofür heute sieben Hamburgische Gymnasien zuständig sind. Das Gründungskollegium mit dem Schulleiter Erich Jänisch muss - nach übereinstimmenden Berichten zahlreicher Ehemaliger aus jenen Jahren - den reformpädagogischen Bewegungen der Zeit gegenüber sehr aufgeschlossen gewesen sein. Man erinnert sich an Klassenreisen mit Gesprächen an Jugendherbergskaminen und gemeinsamem Musizieren, überhaupt an musische Aktivitäten einschl. Tanz und Sport, an eine besondere Nähe und Ungezwungenheit zwischen Schülern und Lehrern. Und "die Schule sollte über das einfache Unterrichtsinstitut hinaus eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft bilden." (Jänisch) Die Schule durfte die Ergänzung ihres Lehrerkollegiums maßgeblich selbst mitbestimmen, was ein Privileg war und als Zeichen dafür gewertet werden kann, dass die Schulbehörde auch in pädagogischer Hinsicht viel zu investieren bereit war. Dem entsprach das Programm des Gründungskollegiums, in dem es u. a. heißt: "Die erzieherische und unterrichtliche Arbeit muss aus der räumlichen Nähe der freien Natur und ländlichen Kultur jeden nur denkbaren Nutzen ziehen. Sie muss inmitten der reinen Luft und aufbauend auf der der Großstadt abgewandten Gesinnung der Landbevölkerung und der in den Gartensiedlungen vereinigten Familien den Schülern eine körperliche und geistig gleich harmonische Entwicklung und Bildung vermitteln. Die Schule steht in dieser Hinsicht zwischen der eigentlichen Stadtschule und dem Landschulheim."

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1933 war dann für die neue, gerade glücklich gestartete Walddörferschule ein schlimmer Einbruch. Lehrer mit sog. "nichtarischer" Abstammung mussten die Schule verlassen und bald auch ihr Heimatland. In der Horst wurde ab Mai 1933 "Wehrturnen" mit den Jungen veranstaltet. Schulbücher und Unterrichtsinhalte mussten in Volksdorf nicht anders als überall in Deutschland dem Ungeist der Zeit ihren Tribut zollen. Die alleinherrschende Partei setzte es 1933 durch, dass Schulleiter Jänisch abgelöst und durch den Parteigenossen Fritz Dusenschön ersetzt wurde. Und dennoch muss es an der Schule eine Fortsetzung der Bemühungen aus den Gründungsimpulsen heraus gegeben haben.

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Der Umzug von der Ehmkeschule 1930

wdg-08-bdm-im-schulhofDer neue Schulleiter hielt sich zurück und war nach Auskunft ehemaliger Lehrer alles andere als ein brauner Besen. So hat er einen Kollegen geschickt vor den unangenehmen Folgen bewahrt, als dieser wegen der Unterlassung des Hitlergrußes bei einer gemeinsamen Kinoveranstaltung seiner Klasse denunziert worden war. Zwar mussten Flaggenparaden mit Absingen des Horst-Wessel-Liedes abgehalten und in der Aula Führerreden über Lautsprecher gemeinsam angehört werden. Bezeugt ist aber auch, dass mehrere sog. "Halbjuden" ihr Abitur unter der Schirmherrschaft des Schulleiters machen konnten, der damit persönlich sehr viel riskierte. Dusenschön starb schon 1937, sein Nachfolger wurde mit Dr. Heino Hayungs ein Mitglied wieder des Gründungskollegiums, und Gründungsdirektor Jänisch konnte sogar bis zu seinem Unfalltod 1945 als stellvertretender Schulleiter wirken. Ehemalige Schüler der 30er und 40er Jahre wissen von stramm an das NS-System angepassten ebenso wie von vorsichtig Widerspruch signalisierenden Lehrern zu berichten. Direktor Hayungs hat in mutiger und unauffällig-geschickter Weise Kollegen abzuschirmen gewusst, deren Linientreue den Partei- und Behördengewaltigen fragwürdig wurde. Nach Kriegsausbruch hatte die Schule Luftschutzräume zu stellen (im heutigen Töpfer- und Archivkeller), die verheerenden Luftangriffe auf Hamburg im Juli 1943 führten zur Überfüllung der Schulen in den Außenbezirken, so auch der Walddörferschule, in deren Lehrerkonferenzprotokoll vom 23.August 1943 zu lesen ist: "Berichte über die Lage waren geradezu erschütternd. Viele Schulen sind wie ausgelöscht. Demgegenüber steht die Walddörferschule da wie eine Arche Noah! Wir müssen Ansatzpunkte geben für Wiederaufbau des Hamburgischen Schulwesens! Die Walddörferschule nimmt Kinder, die hier bei Verwandten aufgenommen wurden, ohne weiteres auf, auch ohne besondere Unterlagen. Wer zahlt, ist gleichgültig."

In den letzten Kriegsjahren mussten die männlichen Schüler der älteren Jahrgänge als Flakhelfer z.B. nach Farmsen gehen und dort in den Stellungen von ihrer Schule mit Unterricht versorgt werden. Von den Mitschülerinnen waren sie in der Schule selbst schon seit 1940 getrennt worden. Die Koedukation, eine der Besonderheiten des Volksdorfer Gymnasiums von seiner Gründung an, widersprach dem nationalsozialistischen Erziehungskonzept des wehrhaft-kämpferischen Mannes und der häuslich-mütterlichen Frau. So wurden in der Walddörferschule im Erdgeschoß reine Jungenklassen und im Obergeschoß reine Mädchenklassen untergebracht. Die Wiederherstellung der koedukativen Walddörferschule nach dem Krieg wurde von den damaligen Schülern als wesentliche Bereicherung empfunden. Und 1953 wurde in der Schulzeitung unter dem Titel "Ponticulus Aureus Amoris" ermittelt, dass aus den Abiturjahrgängen 1934 bis 1949 nicht weniger als 38 Walddörfer-Ehepaare hervorgegangen sind, wobei gerade die nichtkoedukativen Kriegsjahrgänge am stärksten vertreten sind.

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Der Schulhof 1938

In den Jahren nach 1945 stieg die Schülerzahl im unzerstörten Volksdorf stark an. Die "Entnazifizierung" des Lehrerkollegiums sowie die Rückkehr von Lehrern aus dem Exil und aus dem Krieg bewirkten an der Walddörferschule personelle Veränderungen, ohne dass der Stamm des Lehrerkollegiums davon berührt wurde. Unangefochten blieb 1945 die Stellung des Direktors Hayungs, der sich - mittlerweile sechzigjährig - steigender Hochachtung erfreuen konnte, weil er in schwierigster Zeit nicht nur den äußeren Schulbetrieb und manches von den pädagogischen Gründerimpulsen zu sichern wusste, sondern Lehrern, Schülern, Familien in mancher Bedrängnis mutig geholfen hat. Unser Schularchiv birgt kostbares Material für die darstellungswürdige Geschichte dieses Schulleiters.

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Er ist 1950 von einer dankbaren Schulgemeinde in den Ruhestand verabschiedet worden und hat dabei dieses Schlusswort an die Schüler gerichtet: "Ihr Kinder habt mich häufig auf dem oberen Flur an der Treppe gesehen, wenn ihr vom Hof heraufkamt. Ihr wisst aber nicht, warum ich es tat. Ich will es euch jetzt sagen. Ich wollte weiter nichts, als eure Gesichter sehen und mich daran freuen, wie frisch und froh ihr mich ansaht. Und wenn ihr einmal bedrückt und unfroh wart, dann war ich mit mir und der Schule nicht zufrieden."

In den 50er Jahren wurde der Ruf der Walddörferschule im Sport fundamentiert. Die Annalen der Walddörferschule quellen für diese Zeit geradezu über von sportlichen Siegesmeldungen. Ein weiterer Schwerpunkt wurde der Neuaufbau des musischen Zweiges, der vom Schulleiter Prof. Möckelmann (1950-55) durch die Anwerbung besonders kompetenter und engagierter Lehrkräfte für Musik, Bildende Kunst und Darstellendes Spiel sowie dadurch vorangetrieben wurde, dass der Schulbehörde das Zugeständnis für die Walddörferschule abgewonnen werden konnte, in den Klassenstufen 11, 12 und 13 im Wechsel eine "Musik-", eine "Kunst-" und eine "Theaterklasse" einzurichten. Diese sog. "Musenklassen" wurden bis zum Abitur, in das sie ihre musische Spezialisierung einbringen konnten, von einem entsprechend fachorientierten Klassenlehrer geführt. Konzerte und Theaterabende prägten fortan, wie schon in den 30er Jahren, das Schulleben. Die Walddörferschule ging mit ihren Orchestern, Chören und Theatergruppen auch auf Tourné, bot aber vor allem in den Walddörfern in ihrer Schulanlage ganz im Sinne ihres Erbauers Fritz Schumacher nun wirklich "die Anregung zur Kunst großer Feiern". Der musische Zweig ist mit den Veränderungen der 70er Jahre zwar ausgelaufen, aber u. a. in Gestalt der zahlreichen Theater-, Instrumental- und Chorgruppen sowie vielseitiger Projekte der Bildenden Kunst ist auch heute noch vom damaligen Impuls etwas erhalten geblieben.

Die bildungspolitischen Veränderungen seit den 60er Jahren sind auch an der Walddörferschule nicht vorübergegangen. Die Schülerzahl stieg über die l000er-Grenze an, die Quote der nach der 4. Klasse auf das Gymnasium überwechselnden Schüler schnellte hoch, nachdem Ende der 60er Jahre die Aufnahmeprüfung durch die Elternentscheidung ersetzt wurde. Die "Bildungsexpansion", wie man damals sagte, erfasste auch und gerade die Bevölkerung der Walddörfer. Innerhalb von 12 Jahren - zwischen 1960 und 1972 - entstanden im Großeinzugsbereich der alten Walddörferschule drei direkte Tochtergründungen als Gymnasium Farmsen, Gymnasium Buckhorn und Gymnasium Ohlstedt. Und trotzdem reichte der Schulraum in Volksdorf nicht aus, man behalf sich mit Pavillons auf dem Gelände, wo heute die Gesamtschulsporthalle steht, und später am Hempenkamp, und seit 1970 wurde an eine Erweiterung des Schumacherbaus von 1930 und einen Neubau für die GHR-Schule am Ahrensburger Weg gedacht.

Bedeutende Veränderungen vollzogen sich in diesen Jahren aber nicht nur in quantitativer Hinsicht, sondern gerade an der Walddörferschule der späten sechziger und frühen siebziger Jahre im pädagogisch-politischen Klima. Im Gefolge der Studentenbewegung von 1968 machte eine Schülerbewegung hier von sich reden, die "unabhängige Schülergruppen" gründete, um Zeugnisgebung, Unterrichtsformen und -inhalte, überhaupt das "autoritäre System" zu diskutieren und in Frage zu stellen, aber auch Notstandsgesetze und Vietnamkrieg in der Schule zu thematisieren. Schülervollversammlungen, auch Streiks brachten eine hier nie gekannte Dramatik in das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrerkollegium, die sich besonders zuspitzte, als im November 1969 Schulleiter Alfred Brühl, seit 1955 im Amt, plötzlich verstarb. Brühl als die höchste Autorität vor Ort war ein Hauptziel der "antiautoritären" Schülerbewegung gewesen und hatte sich ihren Angriffen frontal gestellt. Nach seinem Tod konzentrierten sich die Schülervertreter auf eine Mitwirkung bei der Auswahl des Nachfolgers, etwas in der bisherigen Geschichte dieser Schule Unvorstellbares. Im Schuljahr 1969/70 war die Schule Schauplatz heftiger Autoritätskonflikte, wie sie damals vielerorts die bundesdeutsche Schul- und Universitätslandschaft charakterisierten. Folge dieser Konflikte und des gleichzeitig einsetzenden Generationswechsels in der Lehrerschaft sowie der Umbrüche auch in der familiären Erziehung war ein tiefgehender Wandel im Umgang zwischen Lehrern und Schülern. Die Schule legte Einiges von ihrem Obrigkeitscharakter ab. Folge war in Hamburg schließlich das Schulverfassungsgesetz von 1973, das die Schüler- und Elternmitwirkung bei der Schulleiterwahl einführte und mit der Schulkonferenz ein neues Mitentscheidungsgremium schuf, in dem Eltern, Schüler und Lehrer gleichstark vertreten sind. Die Eltern haben bereits seit 1946 als Elternrat und Klassenelternvertreter am Schulgeschehen mitgewirkt, haben in den 50er Jahren den "Verein der Freunde und Förderer der Walddörferschule e.V." gegründet, unseren bis heute so fruchtbringenden Schulverein. Im Laufe der 60er Jahre nahm auch das Mitbestimmungsbedürfnis der Eltern an der Walddörferschule zu. Auch sie mischten sich stärker als je ein, als es im dramatischen Schuljahr 1969/70 um die plötzliche Neuwahl eines Schulleiters ging.

Der neue Schulleiter, der unter den sich verändernden Voraussetzungen am 1.April 1970 sein Amt antrat, war Heinrich Wriede, der bis zu seiner Pensionierung Anfang 1981 das Jahrzehnt nachhaltigster Veränderungen an unserer Schule verantwortlich koordinierte. Die neuen Mitbeteiligungsrechte von Eltern und Schülern wollten in einen neuen Stil moderierender Schulleitung umgesetzt werden, neue Lehrpläne und Unterrichtsformen und ein stark sich verjüngendes und anwachsendes Lehrerkollegium veränderten das Gesicht der Schule ebenso wie eine Schülerschaft, die selbstbewusst und nicht selten keck ihre neu erkannten Interessen vertrat und weiterhin in Frage stellte, was ihr "autoritär" erschien. Seit 1971 beteiligte sich die Schule an der Einführung der neuen gymnasialen Oberstufe, wie sie mit Auflösung der Klassenverbände und dem Prinzip, Fächerschwerpunkte in einem differenzierten Kurssystem durch die Schüler selbst wählen zu lassen, mit immer neuen Abwandlungen im Einzelnen bis 2010 existiert hat. Sie entsprach dem neuen, selbstbestimmten Schülertyp und der politisch gewollten Pluralisierung der schulischen Pflichtlernstoffe und insoweit auch der beabsichtigten "Mobilisierung von Bildungsreserven". Schließlich war ein weiterer Faktor der tiefgreifenden Veränderungen an unserer Schule in den 70er Jahren der großzügige Neu- und Erweiterungsbau. 1975 zog die benachbarte Grund-, Haupt- und Realschule in die neu errichteten Gebäude am Ahrensburger Weg, dem "Walddörfer-Gymnasium", wie wir nun hießen, wurde das gesamte alte Schumacher-Gebäude zugewiesen, das unter Denkmalschutz gestellt, bis 1981 gründlich renoviert und um das gesamte Untergeschoss mit den naturwissenschaftlichen Fachräumen sowie das Forum mit der Cafeteria erweitert wurde. Eine Cafeteria wurde bereits seit 1973 in der Schule betrieben, dem Jahr des ersten Abiturs mit der reformierten Oberstufe, die die Schüler oft bis weit in den Nachmittag in der Schule hält. Seit 1973 – und noch bis Anfang 2010 – wurden die Schüler von Müttern unserer Schule ehrenamtlich und liebevoll mittags mit Frischgekochtem versorgt. Für die heutige Schule war es ein glücklicher Umstand, dass der Erweiterungsbau gerade in den Jahren konzipiert wurde, als mit der Oberstufenreform auch neue Anforderungen an Architektur und Ausstattung der Schule berücksichtigt sein wollten. Forum und die damals neu eingerichtete, jetzt gerade wiederum neu gestaltete Arbeitsbücherei zeugen davon.

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Zur jüngeren Phase unserer Schulgeschichte gehört eine weitere Entwicklung, die der Weltoffenheit unserer Heimatstadt Hamburg, dem besonderen Fremdsprachenangebot an unserer Schule, der gastgeberischen Großzügigkeit und Aufgeschlossenheit vieler Walddörfer Schul-Familien und dem besonderen Engagement von Lehrern zu verdanken ist: Unsere zwischen 1970 und 1990 gewachsenen Partnerschaften mit Schulen in London, Shanghai, Warschau und St. Petersburg. Seit 1966 schon wurde Russisch als zweite Fremdsprache alternativ zu Latein angeboten, und seit 1972 wurden Schulfahrten in die Sowjetunion durchgeführt. Seit 1975 sind Projektreisen nach Polen unternommen und Verbindungen zu Schulen und Lehrern dort angeknüpft worden, was mit maßgeblicher Hilfe des Landesschulrats endlich 1988 zu einer festen Schulpartnerschaft führte. Seit 1985 wurde im Rahmen eines von Hamburg besonders geförderten Programms Chinesisch am Walddörfer-Gymnasium unterrichtet, seit 1987 bis heute wurden jährlich Schülergruppen mit Shanghaier Schulen ausgetauscht. Die Wende von 1989/90 führte dann dazu, dass auf sowjetische Initiative u. a. unsere Schule mit einer St.Petersburger Schule eine Besuchspartnerschaft starten konnte und im Wiedervereinigungsjahr 1990 Klassen einer Dresdner Oberschule und des Walddörfer-Gymnasiums sich gegenseitig besuchen konnten.

Die letzten 20 Jahre unserer bisherigen Schulgeschichte sind auch durch die Veränderungen im Stadtteil Volksdorf und in der unmittelbaren Nachbarschaft des Walddörfer-Gymnasiums geprägt. Die baulichen Erweiterungen der 70er Jahre hatten bereits einen Ausbau der benachbarten Grund-, Haupt- und Realschule Ahrensburger Weg auf dem Gelände unmittelbar nördlich des Schumacher-Baus bedingt. Ende der 80er Jahre fiel dann in der Schulbehörde auf Drängen von Eltern aus den Walddörfern die Entscheidung, diese HR-Schule umzuwandeln in eine „Gesamtschule Walddörfer“, die zunächst die Grundschule mit beherbergte, bevor diese am 24.August 1993 mit einem Teil ihrer Schüler die neue Grundschule auf dem bisherigen Erdbeerfeld an der Eulenkrugstraße bezog – auch dies ein bunter Umzug von Schülern und Lehrern durch Volksdorf in ein neues Schulgebäude wie weiland 1930, nur kleiner,  immerhin angeführt, wenn auch nicht „unter Vorantritt der Feuerwehrkapelle“, so doch von der Big Band des Walddörfer-Gymnasiums. Im Jahre 1997 bezog dann der verbliebene Teil der Grundschule Ahrensburger Weg das neue Gebäude westlich vom Sportplatz. Die neue Gesamtschule Walddörfer war nun für Eltern, die ihr Kind an einer weiterführenden Schule anzumelden hatten, eine zusätzliche Volksdorfer Alternative zum Gymnasium. Die Gesamtschule mit ihrem weiten Einzugsbereich im Hamburger Nordosten hat sich fest etabliert und ist die größte Schule in Volksdorf geworden, aber mit dem Walddörfer-Gymnasium hat sich eine gute Nachbarschaft entwickelt. Unsere Schülerzahl (2010: etwa 1000) hier hat letztlich nicht gelitten, das Gymnasium ist nach wie vor vier- und fünfzügig, was eine optimale Größe für Gebäude und Kollegium darstellt. Ideologische Minenfelder mit schulpolitischen Grundsatzdebatten spielen vor Ort keine Rolle, sondern im Gegenteil: In der Oberstufe wird kooperiert in gemeinsamen Kursen für bestimmte Fächer, Wechsel von Schülern zwischen beiden Schulen gehen in kollegialer und am Einzelfall orientierter Zusammenarbeit vor sich, beide Schulleitungen erleben einander als hilfsbereite Nachbarn im gleichen Boot.

Der Generationswechsel im Lehrerkollegium geht einher mit einer Vielzahl von Veränderungen vor allem im Unterrichtsalltag der Schulen und auch des Walddörfer-Gymnasiums. Wer vor etwa 15 Jahren oder früher die Schule verlassen hat und sie jetzt mal wieder besucht, würde heute vor allem die selbstverständlich gewordene Position des Kollegen Computer an der Schule wahrzunehmen haben, die damals noch heftig diskutiert wurde. Eine Elterninitiative führte 1996 dazu, dass als weitere Fremdsprache neben Englisch, Latein, Russisch, Französisch und Chinesisch am WdG auch Spanisch angeboten und ab Klasse 6 bis heute auch stark angewählt wird. Und als Spezifikum des WdG würde dem Besucher aus der Ehemaligenschaft auffallen, dass es (seit 2007) keine Klassenräume mehr gibt, sondern den Lehrern jeweils zugeordnete Lernräume („Kabinette“), Schüler also in den Unterricht zu den Lehrern kommen und nicht mehr umgekehrt.

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Die gegenwärtige Phase der Schulgeschichte, also die Zeit seit etwa 10 bis 15 Jahren, steht im Zeichen bildungspolitischer Debatten, die um Begriffe wie Schulqualität, Unterrichtsentwicklung, Schulprogramm, Leitbild kreisen und die seit einigen Jahren in Hamburg auch direkt gesetzgeberisch und administrativ umgesetzt werden. Im Jahre 2000 hat, wie das Gesetz es vorschrieb, die Schulkonferenz des Walddörfer-Gymnasiums zum ersten Mal ein Schulprogramm („WdG 2000“) verabschiedet, an dessen Zielformulierungen und Festlegungen von Arbeitsschwerpunkten die Arbeit von Lehrern und Schule zu orientieren ist. Nach langen Debatten in den Gremien der Schule sind als WdG-spezifische Arbeitsschwerpunkte entschieden worden die Schulung und das Training von Arbeitsmethoden, die Arbeit mit neuen Medien im Fachunterricht und das ganzheitliche Lernen im Sinne nicht zuletzt der musikalisch-künstlerischen Traditionen der Schule. Schon seit Beginn der 90er Jahre und mit der Kollegiumsverjüngung der letzten Jahre zunehmend werden alte Unterrichtsformen durch neue ergänzt, hier und da auch immer mehr ersetzt. Eigenständiges, handlungsorientiertes und produktives  Arbeiten von Schülern und Schülergruppen, die Rolle des Lehrers als Moderator und Berater gelangen in den Vordergrund oder sollten es wenigstens. Die entsprechende Fortbildungsintensität auf Lehrerseite ist unübersehbar. Am Walddörfer-Gymnasium wird versucht auch dem sozialen Lernen einen festen Platz in der dafür 2003 eigens erweiterten Programmatik der Schule zu sichern und perspektivisch auf eine pädagogisch gestaltete Ganztagsschule zu blicken, die durch die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre bedingt ist. Die aktuellen Baustellen in der Schule, sowohl die pädagogischen als auch die gebäudetechnischen, haben auch und vor allem damit zu tun.

Im Jahre 2008 löste Annette Brandt-Dammann als Schulleiterin Jürgen Fischer (seit 1981 im Amt) ab und übernahm damit am WdG die Koordination der in den letzten Jahren immer umfassender werdenden Veränderungen von Schule, insbesondere in Hamburg. Die aktuelle Leitbilddiskussion am WdG ist nur ein Beispiel dafür. Wir feiern den 80.Geburtstag unserer Schule in einer Zeit, die von Umbrüchen geprägt ist und deshalb kaum Prognosen für die weitere Entwicklung erlaubt. Das WdG erreicht damit ein respektables Alter. Es wird allerdings dafür gesorgt sein, dass es hier zwischen Allhorn, Ahrensburger Weg und Horst auch künftig eher quirlig zugehen wird, denn nach allem, was wir wissen, wird das Durchschnittsalter unserer Schüler das gleiche bleiben wie eh und je an Walddörferschule und Walddörfer-Gymnasium.

Jürgen Fischer im Juni 2010

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